Er genießt die Zeit mit seiner Familie, verbringt die Wochenenden mit seinen Freunden und spielt ab und zu Fußball. Weil es ihm einfach Spaß macht. Er ist ein ganz normaler 19-Jähriger, der das Leben genießt. Fernab von Leistungsdruck oder Verzicht. Die unbeschwerte Jugend verbringt er beim SV Auersmacher. Er kickt ganz gut und überlegt: Wieso nicht Profi werden? Und er probiert es einfach. Mit 19 Jahren geht er zu verschiedenen Probetrainings und will sehen, ob er gut genug ist. Heute ist er 28 und fährt zur Weltmeisterschaft.

Der klassische Weg eines Fußballers beginnt früh. In jungen Jahren schon fährt er in ein Nachwuchsleistungszentrum und strebt an, alle Zeit zu opfern, um Profi zu werden. Bei Jonas Hector war alles anders. Fußball bedeutete immer nur Spaß und Gemeinschaft für ihn. Professionell Fußballspielen? Daran hat er lange keine Gedanken verschwendet. Während viele 15-jährige Nachwuchshoffnungen den Sommer nur mit dem Ball verbringen, darf Hector eine unbeschwerte Jugend leben. Unzählige Juniorenspieler müssen den Traum vom Profifußballer begraben, nur ein Bruchteil erreicht ihr großes Ziel. Und Jonas Hector wird urplötzlich zu einem der besten Verteidiger Deutschlands. Und kämpft jetzt um das, was er vor zehn Jahren nicht einmal ansatzweise zu träumen gewagt hätte: Er kann Weltmeister werden.

Es ist der Sommer 2010, der Hectors Leben plötzlich ändert. Er startet in das Abenteuer Fußball, keinesfalls aber mit großen Ambitionen. Wenn es bei einem großen Verein nicht klappt, dann spiele ich dort eben nur für die zweite Mannschaft, denkt er. Der 1. FC Köln wird schließlich seine Heimat. Drei Jahre lang spielt er für die Regionalligamannschaft des FC. Und es macht ihm Spaß, wie er es vorausgesagt hat. Die erste Mannschaft? Wäre schön, aber kein Muss. 2013 findet er sich plötzlich doch bei den Profis wieder. In der zweiten Liga, höher, als er es sich jemals erträumt hat. Auf einmal ist Hector unverzichtbar, spielt jede Minute. Im Mai 2014 realisiert er: Ich bin jetzt Bundesligaspieler. Mehr geht nicht. Es gibt keine Liga, wo man noch besser spielt. Auf einmal ist er ein Star. Vier Jahre zuvor wusste er noch nicht einmal, ob er denn wirklich Profi werden will. Auf das Abitur und sein freiwilliges soziales Jahr ist er stolz, es muss keine Karriere auf dem Rasen sein. Es dauert keine drei Monate, da wird aus dem Jungen vom Bolzplatz plötzlich ein Nationalspieler. Er spielt keine Spaß-Turniere mehr, er läuft mit dem Adler auf der Brust auf. Für den Weltmeister.

Jonas Hector ist bei Löw gesetzt.

Auf einmal unter Beobachtung des Bundestrainers. © Imago

Auf einmal Star

Er ist nicht nur ein Bundesligaspieler. Jetzt ist er einer der Besten. Für seinen FC macht er jedes Spiel, auch Jogi Löw verzichtet nicht ein einziges Mal auf ihn, wenn er fit ist. Irgendwann ruft der FC Barcelona in Köln an. Der wohl beste Verein der Welt. Sie wollen nicht irgendeinen Spieler, sie wollen Jonas Hector. Und was will Jonas Hector? Jonas Hector will das machen, was ihm Spaß macht. Wie vor zehn Jahren will er die Heimat nicht verlassen, sondern mit seinen Freunden einfach Fußballspielen und sein vertrautes Umfeld genießen. Es ist ihm nicht wichtig, welche Titel er gewinnen kann oder wie hoch das Gehalt sein könnte. Er bleibt in Köln und fährt zur EM nach Frankreich. Mit dabei: Die Weltmeister. Die jetzt auch Europameister werden wollen, und zwar mit Jonas Hector. Als hätte er noch nie etwas anderes gemacht, spielt er jede Sekunde des Turniers. Deutschland scheidet im Halbfinale aus, trotzdem aber wird Hector zum Helden.

Jonas Hector spielt jede Minute bei der EM.

2012 noch Amateur, 2016 auf der ganz großen EM-Bühne. ©Imago

Es gibt Mannschaften, gegen die spielt man einfach nicht gern. Und dann gibt es Italien, gegen die Deutschland noch weniger als ungern antritt. Wann immer es bei einem Turnier zum Duell kommt, lässt der Fußballgott den Italienern den Vortritt. Es steht 1:1, als die Verlängerung vorbei ist. Im Elfmeterschießen zeigen sie alle Nerven. Die Spieler, die Trainer und jeder einzelne Fan Zuhause. Es ist klar: Italien legt vor, wir ziehen nach. Treffen wir nicht, ist es sofort vorbei und wir haben wieder einmal gegen unseren Angstgegner verloren. Es sind kaum noch Spieler übrig, als Jonas Hector zum Punkt geht. Noch nie in seiner Profikarriere hat er einen Strafstoß geschossen. Ihm gegenüber: Einer der weltbesten Torhüter der Geschichte, Gigi Buffon. Sein Pendant hat vergeben und Hector weiß: Wenn ich jetzt treffe, haben wir es geschafft. Unten rechts soll sein Ball einschlagen. Und unten rechts schlägt sein Ball ein. Buffon ist noch dran, kann den Schuss aber nicht parieren. Deutschland gewinnt gegen Italien und Hector ist der gefeierte Mann. Dabei legt er darauf so gar keinen Wert. Zum einen, weil alle anderen Spieler den gleichen Anteil am Sieg haben. Zum anderen, weil er eigentlich gar keine Aufmerksamkeit möchte.

Am liebsten wäre es ihm, nach den Spielen direkt nach Hause zu fahren. Was er abseits des Platzes macht? Die Zeit mit Freunden und seiner Familie verbringen, so wie früher. Fotos davon gibt es keine. Denn Jonas Hector ist einer von ganz ganz wenigen Spielern, die nicht in den sozialen Netzwerken präsent sind. Kein Facebook, kein Instagram, kein Twitter. Er braucht keine Aufmerksamkeit, er braucht den Fußball und sein familiäres Umfeld. Während seine Kollegen im Fernsehen auftreten, Klamotten designen oder um die Welt reisen, geht er zur Uni. Er studiert nicht Sport, wie man es von einem Fußballer erwarten könnte, sondern Wirtschaft in einem Fernstudium. Als ganz normaler Student, nicht als Fußballprofi. Und als Wirtschaftler weiß er, was es bedeutet, wenn ein Unternehmen ein Jahr lang erfolglos ist. Mitarbeiter gehen, es gibt weniger Geld und das Umfeld ist unzufrieden. Genau das muss Hector 2018 selbst erleben. Fast die Hälfte der Saison muss er verletzt zuschauen, wie seine Kölner ein Spiel nach dem anderen verlieren. Irgendwann ist klar: Der Abstieg steht kurz bevor. Die Fans sind wütend und enttäuscht von ihrer Mannschaft.

Ein Mensch, von dem jeder Fan träumt

Eigentlich ist jedem FC-Fan klar: Jetzt werden wir unseren Kapitän verlieren. Er ist Stammspieler für Deutschland, er kann überall hin. Kann Meister werden und um die Champions League spielen. Was will er in der zweiten Liga? Er will daheimbleiben. Bei seinem Verein, seinen Fans, seiner Freundin und seinen Freunden. Köln ist sein Zuhause geworden. Dieses Zuhause ist ihm wichtiger, als die Chance auf Titel und Triumpfe. Ein Nationalspieler, dem alle Türen offenstehen, spielt bald in der zweiten Liga. Seine Entscheidung berührt jeden einzelnen Fußballfan. Das Gefühl ist ihm wichtiger als das Geld und all die Siege, die er international feiern könnte. Jonas Hector ist kein Fußballer. Jonas Hector ist ein Mensch, der gerne Fußball spielt. Einer, der seine Freizeit mit Lesen verbringt und mit einem Ford zum Training fährt. Einer, der auch in der Kreisliga nicht weiter auffallen würde. Ein wunderbarer Mensch. Wie Du und Ich. Der Spaß an seinem Sport ist in der zweiten Liga nicht kleiner, als in der ersten. Für die Fans ist ihr Jonas damit zur Ikone geworden. In Köln erlebt man alles, große Siege und schmerzhafte Abstiege. Und jetzt haben sie jemanden, der das alles mitmachen will, der ihre Stadt und ihren Verein liebt.

Jonas Hector geht mit Köln auch in die zweite Liga.

Gefühl statt Geld. Hector geht mit seinen Kölnern in die 2. Liga. ©Imago

Und jetzt spielt der künftige Zweitligaspieler Hector seine erste Weltmeisterschaft. Nicht auszudenken, was in Köln passiert, wenn ihr Jonas als Weltmeister zurück nach Hause kommt. Er wird nicht nur dabei sein, er wird spielen. Mit 28 Jahren kann Hector seinen ersten Titel gewinnen. Gut möglich, dass er mit dem FC keine weiteren Titel gewinnen wird, das weiß er. Dass er beim FC aber glücklich ist, weiß er auch. Und das zeichnet den Menschen Jonas Hector aus. Es geht nicht um Geld, um vermessenen sportlichen Ehrgeiz oder den Kampf um die Champions League, es geht um Familie, Vertrauen und Zusammenhalt. Auf und neben dem Platz. So spielt er und so lebt er. Ein Spieler mit diesem Charakter ist für jede Nation Gold wert. Einer, der für die Mannschaft alles gibt und sich selbst außen vorlässt. Einer, für den es nach wie vor ein Traum ist, das deutsche Trikot zu tragen. Einer, der Fairness und Respekt vorlebt.

Vor wenigen Jahren feuert Jonas Hector das DFB-Team mit seinen Freunden vom SV Auersmacher an und hoffte auf den Titel. Bald schon werden sie sich wieder treffen, um auch 2018 dabei zu sein. Eine Sache aber ist diesmal anders: Ihr Kumpel Jonas Hector ist nicht in der Runde dabei. Stattdessen ist er in Russland. Steht für die Mannschaft auf dem Platz, die Zuhause unterstützt wird. Und dieser Jonas Hector wird sich denken: Wieso nicht Weltmeister werden? Ich probiere es einfach!

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